Teil 4: Mut zur Psychotherapie - wann Hilfe sinnvoll ist
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Manchmal heißt Mut nicht, die Zähne zusammenzubeißen und irgendwie durchzuziehen. Sondern innezuhalten und dir einzugestehen: Ich brauche Unterstützung. Das stimmt natürlich nicht immer: Es gibt durchaus auch Herausforderungen und stressige Zeiten, die wir alleine und/oder mit Unterstützung von Familie, Freund:innen oder Kolleg:innen gut meistern können.
Wenn aber bestimmte Kriterien erfüllt sind – mehr dazu weiter unten – ist es gesund und verantwortungsvoll (für dich und dein Umfeld), neue Wege zu gehen. Sich dazu durchzuringen, ist allerdings nicht immer einfach, gerade wenn du zum ersten Mal vor dieser Entscheidung stehst. Dann hängen oft Scham, Stolz und Angst mit dran und Sätze wie: „Ich will niemandem zur Last fallen.“ „Ich bin doch nicht verrückt.“ oder „Das bringt eh nichts.“
Dieser Blogbeitrag ist ein Mutmacher und ein Plädoyer dafür, wann und warum du dich trauen darfst – und warum sich das lohnt.
In a nutshell - das Wichtigste auf einen Blick.
Mut heißt nicht: keine Angst haben. Mut heißt: trotzdem losgehen – in kleinen Schritten.
„Bin ich krank genug?“ ist oft keine sachliche Frage, sondern eine Scham-Frage in Verkleidung.
Orientierung hilft mehr als Etiketten: Leidensdruck, Dauer, Alltag, Festgefahrenheit – plus deine Ressourcen und dein Umfeld.
Veränderung ist mehr als Verstehen: Sie passiert da, wo du dir selbst begegnest – behutsam dosiert, nicht mit Überflutung.
Dranbleiben ist selten spektakulär: Manchmal passiert lange „nichts“ – bis der Kipppunkt erreicht ist.
Werte geben Richtung: nicht als Moral, sondern als Kompass – wie du sein willst, auch wenn’s gerade schwierig ist.
Ist Psychotherapie zum Schämen?
Über Scham, alte Regeln und Stigmatisierung.
Scham kommt oft gut getarnt als Vernunft daher: „Ich will niemandem zur Last fallen.“ Oder als Pflichtgefühl: „Andere haben’s schlimmer.“ Oder als alte Familienregel: „Reiß dich zusammen.“ Solche Gedanken sind, gerade, wenn es mental eng wird, sehr menschlich und ziemlich verbreitet. Dabei ist Scham oft ein ganzes inneres Regelwerk, das dich davon abhält, dir Unterstützung zu holen, wenn es eigentlich sinnvoll und angemessen wäre.
Auch das Thema Stigmatisierung spielt hier mit rein: die Angst, abgestempelt, abgewertet oder ausgegrenzt zu werden. Die aktuelle Forschung zeigt deutlich, dass sich Betroffene aus Scham oder aus Angst vor Ausgrenzung manchmal gar nicht erst in Behandlung begeben – und dass dadurch das Risiko steigt, dass sich eine Erkrankung chronifiziert.
Unsere Gesellschaft ist zwar inzwischen offener dafür geworden, psychische Probleme zu akzeptieren und darüber zu sprechen. Aber auch heute noch hat Psychotherapie für viele von uns nicht die gleiche Selbstverständlichkeit wie der Termin bei der Hausärzt:in oder eine Behandlung bei der Physio:therapeut:in.
Wenn du dich darin wiedererkennst, dann ist der entscheidende Punkt: Was macht es dir so schwer, dir helfen zu lassen? Und kannst du dich trotzdem trauen? Zu lernen, sich anderen zuzumuten führt dann manchmal zu der überraschenden Erfahrung, dass man mit all den schrägen Gedanken und wirren Gefühlen tatsächlich zumutbar ist und nicht abgestempelt wird.
Wann Unterstützung sinnvoll ist.
Das hier ist keine Diagnose, sondern eine Orientierungshilfe. Wenn du beim Lesen merkst: „Ich bin unsicher“, ist genau das schon ein valider Grund, dir eine professionelle Einschätzung zu holen.
Anzeichen dafür, dass du zwar gerade eine harte Zeit durchmachst, aber die Zeichen gut stehen, das auch ohne professionelle Hilfe zu schaffen:
Es gibt einen klaren Auslöser (z. B. Stressphase, Konflikt, Veränderung) – und du hast das Gefühl, dass das schwierig ist, aber machbar.
Du kannst dich zwischendurch regenerieren: Schlaf/Erholung klappt zumindest teilweise, es gibt kleine Inseln von Ruhe oder Freude.
Du hast ein tragfähiges Umfeld (mindestens 1–2 Menschen), bekommst Unterstützung und kannst sie auch annehmen.
Du bist zwar angespannt, aber handlungsfähig: Alltag, Arbeit, Beziehungen sind vielleicht manchmal wackelig, funktionieren aber grundsätzlich.
Du kommst mit Selbsthilfe (Gespräche, Bewegung, Struktur, kleine Veränderungen) spürbar ein Stück weiter.
Anzeichen dafür, dass es sinnvoll ist, dich um therapeutische Unterstützung zu kümmern:
Leidensdruck: Es kostet dich sehr viel Kraft, du leidest deutlich – es ist nicht nur „unangenehm“.
Dauer: Es geht nicht weg, sondern bleibt oder wird schlimmer. (Anhaltspunkt: länger als 3 Monate)
Alltag: Schlaf, Beziehungen, Arbeit oder Selbstgefühl sind spürbar beeinträchtigt.
Vermeidung: Du hast wiederholt versucht, es zu ignorieren/klein zureden („wird schon wieder“) – aber es bleibt. Ängste, Grübeln, Sorgen begleiten dich über einen längeren Zeitraum.
Du hast Selbsthilfe und/oder Ratgeber ausprobiert, verstehst vieles – aber du kommst allein nicht in eine nachhaltige Veränderung.
Du fühlst dich festgefahren: Du bemühst dich, aber es dreht sich im Kreis.
Wichtig: Wenn du Suizidgedanken hast oder in einer akuten Krise steckst,
hol dir bitte sofort Hilfe (Notruf, Krisendienst, ärztlicher Notdienst).
Mut zur Veränderung in der Therapie.
Zwischen Zumutung und Überforderung.
Veränderung passiert nicht nur „im Kopf“, sondern da, wo wir uns wirklich berühren lassen – von dem, was wir sonst vermeiden, wegdrücken oder schnell weg-erklären. Dabei ist Vermeidung oft ein unterschätzter Motor für Leid: kurzfristig hilft und beruhigt das meistens, langfristig sorgt es aber dafür, dass dein Leben kleiner und enger wird.
Und genau deshalb braucht Therapie Mut: den Mut, dir selbst zu begegnen. Was fühle ich wirklich? Was passiert im Körper? Was denke ich – und glaube ich dem, was ich da gerade denke? Dieses „Bei-mir-bleiben“ ist für viele erstmal ungewohnt, manchmal unangenehm und man könnte sagen: eine Zumutung. Gleichzeitig ist es der Anfang von Beziehung zu dir selbst.
Gute Therapie arbeitet hier mit Feingefühl, Timing und Dosierung. Das heißt nah genug dran, dass etwas in Bewegung kommt, und gleichzeitig so, dass dein System nicht permanent überfordert ist. Ein bisschen Reibung gehört also oft dazu, aber Überflutung ist kein Qualitätsmerkmal.
Mut in „freier Wildbahn“.
Das Wichtigste passiert zwischen den Sitzungen.
Ein großer Teil der Entwicklung passiert außerhalb der Praxis. Da, wo dein altes Leben auf deine neuen Versuche trifft. Du sagst zum ersten Mal klarer „nein“. Du setzt eine Grenze. Du schluckst nicht alles runter. Du arbeitest daran, mit dir selbst anders umzugehen. Das ist oft anstrengend und erstmal nicht angenehm. Natürlich kostet das Überwindung.
Und nicht jedes Umfeld feiert das sofort. Manchmal wird es sogar erstmal holpriger, weil deine Innenwelt und deine Umwelt sich ans Alte gewöhnt haben. Übrigens gehören dazu natürlich auch Rückschritte und Rückfälle in alte Muster, weil Gewohnheiten nicht einfach über Nacht verschwinden.
Dranbleiben lohnt sich.
Damit sich in deinem Leben wirklich etwas verändern kann, heißt es dranzubleiben. Das klingt heroisch, ist aber meistens unspektakulär: wieder hingehen, wieder üben, wieder nachjustieren – und immer wieder lernen, freundlich mit dir zu sein.
Zu diesem Unspektakulären gehört auch, dass manchmal lange scheinbar nichts passiert: keine großen Erkenntnisse, kein „Heureka“, kein Durchbruch. James Clear nutzt dafür das Bild vom Eiswürfel: Stell dir einen kalten Raum bei minus 4 Grad vor. Du drehst die Temperatur langsam hoch, Grad für Grad. Lange sieht der Eiswürfel unverändert aus – und dann beginnt er plötzlich zu schmelzen. Das ist keine „Magie“, sondern ein Ergebnis dessen, wieviel Energie und Wärme du vorher investiert hast, bis der Kipppunkt erreicht ist.
Warum es sich lohnt: Werte als Kompass.
Sich ehrlich und ungeschminkt mit dir selbst auseinanderzusetzen, die eigene Komfortzone zu erweitern und dranzubleiben, braucht eine starke Motivation. Wofür mache ich das eigentlich? In der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (( ACT) spricht man dafür oft über Werte: nicht als „gute Vorsätze“, und auch nicht als Moral im Sinne von richtig oder falsch, sondern als innere Richtung. Werte beschreiben, wie du sein willst. Im Umgang mit dir selbst, in Beziehungen, im Leben. Werte sind also kein Ziel, das man irgendwann abhakt, sondern ein Kompass dem du, auch wenn das Leben dich gerade beutelt, immer wieder folgen kannst.
Therapie lohnt sich nicht, weil danach nie wieder etwas Schlimmes passiert oder du nur noch glücklich bist – beides ist eine Illusion. Sondern weil du wieder Wahlmöglichkeiten bekommst. Weil du wieder näher an das Leben kommst, das du leben willst – mit Verbindung, Klarheit, Freundlichkeit, Freude, Würde, innerer Ruhe … was auch immer deine Werte sind.
Meine Erfahrung als experienced Expert.
Therapeut:innen sind auch Menschen.
In diesem Blogbeitrag steckt viel Herzblut: Ich schreibe ihn nicht nur aus der Profi-Perspektive, sondern auch aus eigener Erfahrung. Auch wenn man professionell mit mentaler Gesundheit arbeitet und viel darüber weiß, bedeutet das nicht, mit allen Belastungen immer souverän alleine klarzukommen.
Ich hatte so eine Zeit: eine länger andauernde, starke Belastungsphase, in der viele Anforderungen zusammenkamen – und in der plötzlich auch alte Themen wieder aufgetaucht sind, obwohl ich dachte, ich hätte vieles gut sortiert. Ich habe funktioniert – aber gut war das nicht: ich wurde zunehmend erschöpfter, wackliger und unflexibler. Ich habe mich in dieser Phase nochmal begleiten lassen. Dafür brauchte es echt Mut - und Demut, dass auch ich mir (immer wieder) helfen lassen darf.
Was mich besonders unterstützt hat, war die Orientierung an einem für mich zentralen Wert: Freundlichkeit. Nicht als „nett sein müssen“, sondern als innere Ausrichtung. Freundlichkeit heißt für mich in solchen Zeiten: innerlich anders mit mir zu sprechen – nicht wie mit einem Feind, sondern wie mit einem Menschen, der gerade etwas Schwieriges erlebt. Weniger antreiben, weniger abwerten, weniger „reiß dich zusammen“. Und auch nach außen hin: einen Tick weicher werden, gerade dann, wenn mir eigentlich nach scharfen Worten und gereizten Reaktionen zumute war.
Manchmal ist einfach „Winter“ im Leben. Dann geht es darum, alle gesammelten Ressourcen zu nutzen, um möglichst gesund und wohlbehalten zu überwintern – und nicht zu vergessen: Auf einen Winter folgt auch wieder ein Sommer.
Mein Fazit - to the point.
Wenn du merkst, dass „allein schaffen“ gerade nicht mehr die beste Strategie ist, ist es sinnvoll, dir Unterstützung zu holen. Was es so schwer macht, sind häufig nicht nur die Symptome, sondern auch Scham, alte innere Regeln und die Angst, abgestempelt zu werden.
Wenn Therapie sinnvoll ist, dann nicht als Quick Fix, sondern als Prozess. Veränderung passiert nicht nur im Kopf, sondern dort, wo du dir selbst begegnest: behutsam dosiert, mit genug Reibung an deinen Komfortzonen - aber ohne dich zu überfordern. Und sie zeigt sich im echten Leben: zwischen den Sitzungen, in neuen Grenzen, neuen Worten, neuen kleinen Entscheidungen. Dabei ist das Dranbleiben oft unspektakulär und trotzdem unverzichtbar und langfristig wirksam.
Was dir den Weg wirklich leichter macht, ist ein „Wozu“: Du brauchst Werte als Kompass. Nicht als Moral und nicht als richtig oder falsch, sondern als Richtung, der du immer wieder folgen kannst, auch wenn dich das Leben gerade beutelt.
Quellen zu diesem Artikel (Auswahl).
Clear, James. Die 1%-Methode. Minimale Veränderung, maximale Wirkung. Goldmann, 2020
Corrigan, P. W., Druss, B. G., & Perlick, D. A. (2014). The impact of mental illness stigma on seeking and participating in mental health care. Psychological Science in the Public Interest, 15(2), 37–70.
Jacob, Gitta. In der Komfortzone wächst nichts. Die schönsten Gärten blühen außerhalb. Kneipp Verlag, 2025
Dietz, Ingeborg & Dietz, Thomas. Wie Veränderung gelingt. Selbstführung in Coaching und Selbstcoaching. Junfermann, 2024
Harris, Russ. ACT made simple. New Harbinger, 2019
Schomerus, G., Stolzenburg, S., Freitag, S., Speerforck, S., Janowitz, D., Evans-Lacko, S., Muehlan, H., & Schmidt, S. (2019). Stigma as a barrier to recognizing personal mental illness and seeking help: A prospective study among untreated persons with mental illness. European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience, 269(4), 469–479. Lesetipp – wenn du tiefer einsteigen möchtest.
Russ Harris: Der Weg zu echtem Selbstvertrauen – Von der Angst zur Freiheit
In diesem Buch geht es nicht primär darum, wann und warum du dich trauen solltest, in Therapie zu gehen. Es ist ein Buch über Mut im Alltag – darüber, wie du mit Angst, Selbstzweifeln und innerem Chaos trotzdem das tun kannst, was dir wirklich wichtig ist. Es verschiebt es den Fokus weg vom Kampf gegen die Angst hin zu der Frage, wie du Schritt für Schritt in Richtung eines stimmigen und erfüllten Lebens gehen kannst.
Russ Harris schreibt alltagsnah und pragmatisch: kleine Schritte statt Perfektion, mehr Freundlichkeit mit dir selbst, und ein realistischer Blick darauf, dass Veränderung meistens ein Prozess ist und kein einmaliges „Aha“-Erlebnis. Kein Quick-Fix-Ratgeber, sondern eine angenehm ruhige und humorvolle Einladung, dir nicht ständig selbst im Weg zu stehen und dich auf ein Leben einzulassen, das wirklich zu dir passt.
Coming next…
Wenn du gerade einen kassenzugelassenen Therapieplatz suchst und dich fragst, wie du gut durchs Kassensystem navigierst: Im nächsten Teil bekommst du einen klaren Service-Guide – Sprechstunde, 116117/TSS und Probatorik, plus konkrete Suchstrategien und Tipps für die Wartezeit.
