Teil 2: Diagnosen, Verfahren, Methoden - Psychotherapie verständlich erklärt

Menschen | Methoden | Möglichkeiten

Dein Guide durch den Psychotherapie-Dschungel

Überblick über eine neblige, wilde Dschungellandschaft. Symbol für Psychotherapie-Dschungel.

Wenn ich eine Psychotherapie mache, müsste doch eigentlich klar geregelt sein, was da passiert, oder? Leider nicht. Wenn du mit dem gleichen Thema bei verschiedenen Therapeut:innen landest, kann es sein, dass sie komplett unterschiedlich arbeiten – nicht nur wegen der Persönlichkeit, sondern auch wegen ihrer Methoden und Ausbildungen. Weil sich Psychotherapie in den letzten Jahrzehnten enorm weiterentwickelt hat, gibt es heute so viele Ansätze mit vielen Namen, dass selbst Profis den Überblick verlieren können.

Ich gebe dir hier deshalb einen ersten, gut sortierten Einblick: Was ist Psychotherapie überhaupt und was heißt „psychisch krank“? Welche therapeutischen Hauptrichtungen gibt es, was unterscheidet sie und was davon passt vielleicht zu dir? Außerdem klären wir kurz, was „Richtlinienverfahren“ sind und was das mit der Kassenleistung zu tun hat.


 

In a nutshell - das Wichtigste auf einen Blick.

  1. Psychotherapie ist kein Einheitsprodukt – es gibt unterschiedliche Schulen und Methoden.

  2. „Psychische Erkrankung“ ist ein Spektrum - kein Schalter zwischen gesund und krank.

  3. Verhaltenstherapie, tiefenpsychologische Verfahren & körperorientierte Ansätze setzen unterschiedliche Schwerpunkte.

  4. „Richtlinienverfahren“ bedeutet vor allem: Was übernimmt die Kasse.

 

Was ist Psychotherapie – und was bedeutet „psychische Erkrankung“?

Psychotherapie ist (vereinfacht gesagt) ein professioneller Rahmen, in dem psychische Erkrankungen behandelt werden – also Beschwerden, die so stark sind, dass sie dein Leben deutlich belasten und oft auch länger anhalten. Dazu zählen z. B. Angst, Depression, Belastungsreaktionen, ADHS, Essstörungen, Zwänge oder Trauma-Folgen.

Vielleicht liest du auch den Begriff „psychische Störung“ – zum Beispiel in Formulierungen wie „Störung mit Krankheitswert“. Das ist ein Fachbegriff aus Medizin und Versorgungssystem. Gemeint ist damit nicht „du bist gestört“, sondern: bestimmte psychische Funktionen sind so aus dem Gleichgewicht geraten, dass Behandlung sinnvoll oder nötig ist. Im Alltag sagen viele lieber „Erkrankung“ oder „psychische Belastung“, weil das oft weniger stigmatisierend klingt – inhaltlich geht es aber um dasselbe: Leidensdruck, Einschränkungen und der Wunsch nach Verbesserung.

By the way: Physiotherapie ist keine Psychotherapie. Wenn du gerade wegen Rücken, Knie oder Schulter hier gelandet bist: falscher Ort – aber guter Instinkt, dir Hilfe zu holen.

Psychische Störung und “Krankheitswert”.

Viele Probleme beginnen als Belastung, werden zu Leidensdruck und können sich irgendwann so verfestigen, dass der Alltag nicht mehr gut funktioniert. Ob das dann „Krankheitswert“ hat und als psychische Erkrankung diagnostiziert wird, wird in der Praxis u.a. daran eingeschätzt: 

  1. Wie stark ist dein Leidensdruck?

  2. Wie lange hält das schon an?

  3. Wie sehr beeinträchtigt es Alltag, Schlaf, Beziehungen, Arbeit?

  4. Gibt es Risiken (z.B. Selbstgefährdung)?

Warum das wichtig ist: Der „Krankheitswert“ ist die Grundlage dafür, dass überhaupt eine ICD-Diagnose gestellt werden kann – und damit häufig auch dafür, ob die Krankenkasse eine Behandlung übernimmt. 

 

ICD - Internationale Klassifikation von Krankheiten

“Der ICD” ist ein Diagnosemanual der Weltgesundheitsorganisation (WHO), mit dem Erkrankungen klassifiziert und Diagnosen erstellt werden können. International ist die ICD-11 in Kraft, im deutschen Versorgungssystem ist die Umstellung aber ein längerer Prozess. Deshalb ist die ICD-10 praktisch noch relevant. Wenn du eine Diagnose bekommst, ist das mit einem bestimmten ICD-Code verbunden. Alle psychischen Erkrankungen beginnen z.B. mit dem Buchstaben F. Je nach Diagnose wird der Buchstabe um einen bestimmten Zahlencode ergänzt.

 

Diagnostische Schwelle – warum sie gesunken ist und was das bedeutet (Pro & Kontra).

Die diagnostische Schwelle sagt aus, ab wann ein seelisches Problem offiziell als „psychische Störung mit Krankheitswert“ behandelt werden kann. In den letzten Jahren ist diese Schwelle spürbar gesunken. Heißt: Mehr Zustände werden heute schneller als „Störung“ eingeordnet als früher – auch solche, die zwar sehr belastend sind, aber in vielen Lebensphasen und -situationen auch einfach natürlich, menschlich und nachvollziehbar.

Das hat Vor- und Nachteile:

 Pro

  1. Früher Zugang zu Hilfe: Menschen müssen nicht erst komplett „zusammenbrechen“, bevor sie Unterstützung bekommen.

  2. Kasse & Versorgung: Eine Diagnose ist oft ein Ticket ins System (Behandlung, Krankschreibung, Reha, Hilfen am Arbeitsplatz).

  3. Entstigmatisierung: Psychische Beschwerden werden ernster genommen – und eher als etwas verstanden, wofür man Hilfe nutzen darf.

 

Kontra

  1. Pathologisierung: Wenn die Schwelle sinkt, gilt automatisch weniger als „normal“ – und mehr als „krank“.

  2. Vorsicht Etikett-Effekt: Eine Diagnose kann (ungewollt) zur Identität werden: Ich bin depressiv/ängstlich/habe ADHS statt Ich habe gerade depressive/ängstliche/ADHS-typische Symptome.

  3. Psychomarkt: Wo mehr Diagnosen möglich sind, kann auch mehr Behandlung angeboten und abgerechnet werden. Das ist nicht per se schlecht – aber es lädt ein, Probleme schneller zu „medizinischen Fällen“ zu machen, obwohl manchmal auch andere Formen von Hilfe passend wären.

Meine Einordnung: Ohne Diagnosen funktioniert das System nicht und Diagnosen können auch ein hilfreicher Türöffner zu guter Behandlung sein. Aber sie sind nicht deine Identität. Wichtig ist, dass du nicht zu einer “Diagnose” wirst, sondern bei aller sinnvollen Einordnung ein Mensch mit einer persönlichen Geschichte bleibst.

Methoden, Schulen, Verfahren: die wichtigsten Richtungen.

Vorweg: Es gibt nicht „die Psychotherapie“, sondern viele unterschiedliche Denkmodelle und Methoden – und die haben Einfluss darauf, worauf man schaut und wie man arbeitet. In Deutschland spielen in der kassenfinanzierten ambulanten Versorgung vor allem die sogenannten Richtlinienverfahren eine große Rolle.

Richtlinienverfahren

Mit „Richtlinienverfahren“ (umgangssprachlich auch “Richtlinientherapie”) ist in Deutschland eine ambulante Psychotherapie gemeint, die über die gesetzliche Krankenkasse abgerechnet werden kann. Welche Verfahren dazu gehören, wird vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) festgelegt.

Praktisch heißt das für dich: Die Kasse zahlt in der Regel nur, wenn die Behandlung in diesem Rahmen stattfindet. Und (wichtig!): wenn die Behandler:in eine Approbation hat. Mehr dazu findest du in Teil 1 dieser Serie.

Zu den Richtlinienverfahren gehören Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Analytische Psychotherapie und Systemische Therapie. „Richtlinie“ heißt dabei nicht automatisch: Das sind die einzigen sinnvollen Methoden. Auch außerhalb der Richtlinienverfahren gibt es wissenschaftlich untersuchte, seriöse Ansätze – nur werden die Behandlungen dann nicht von den Kassen übernommen.  

Für deine Entscheidungsfindung ist das natürlich wichtig. Super relevant, damit du von einer Therapie auch wirklich profitierst bleibt trotzdem: Passt die Person, passt das Tempo, passt das Vorgehen zu dir?

  • Worum geht’s?
    Die Psychoanalyse ist der Ursprung aller weiteren tiefenpsychologischen Verfahren. Grundidee: Wenn wir besser verstehen, was uns innerlich (auch unbewusst) steuert, können sich Gefühle, Beziehungen und Verhalten langfristig verändern.

    Wie kann das aussehen?
    Oft ist Psychoanalyse intensiver und länger angelegt als andere Therapien, z.B. mit höherer Sitzungsfrequenz. In manchen Settings liegt man auf der Couch und spricht frei, während die Therapeut:in eher zurückhaltend begleitet. Es wird viel mit Deutungsangeboten gearbeitet: Die Therapeut:in spiegelt wiederkehrende Muster und macht Hypothesen, die ihr gemeinsam prüft – passt das, trifft es etwas, oder nicht?

    Good to know: die klassische Analyse ist kein Richtlinienverfahren. Die eng damit verwandte „Analytische Psychotherapie“ aber schon.

    Meine Erfahrung (kurz & ehrlich)
    Psychoanalyse kann für manche Menschen hilfreich sein, vor allem wenn sie sehr tief verstehen wollen, wie alte Muster „von innen“ wirken. Ich bin heute ehrlich gesagt eher kritisch – nicht aus Prinzip, sondern aus Erfahrung: Ich erlebe immer wieder Menschen, die nach langer Analyse sehr viel erklären können, aber wenig Handwerkszeug haben, um im Alltag anders zu handeln, Gefühle zu regulieren oder Grenzen zu setzen. Mir ist wichtig, dass Therapie nicht zur Dauerschleife wird, sondern dich Schritt für Schritt unabhängiger macht. Dafür sind oft fokussiertere und praxisnahe Ansätze passender.

  • Worum geht’s?
    Tiefenpsychologische Verfahren schauen oft auf innere Muster, Beziehungserfahrungen und unbewusste Konflikte: Warum reagiere ich heute so, obwohl ich das gar nicht will? Warum lande ich immer wieder in ähnlichen Situationen?

    Die Idee dahinter ist ziemlich nachvollziehbar: Wir lernen sehr früh, wie Beziehungen funktionieren – wie Nähe geht, wie Konflikt geht, wie ich „okay“ bin, und wie ich mich schütze, wenn es nicht sicher ist. Diese frühen Strategien waren oft klug und haben dir damals geholfen. Nur: Was früher geschützt hat, kann später im Erwachsenenleben zur “Sollbruchstelle” werden – besonders in Umbrüchen und Krisen (Trennung, Jobwechsel, Krankheit, Eltern werden, Verlust, Lebensmitte).

    Wie kann das aussehen?
    Viel Gespräch, viel gemeinsames Verstehen – und dann (idealerweise!) Schritte, wie sich alte Muster im Heute verändern lassen. Oft geht es darum, die Verbindung herzustellen: „Ah – deshalb fühlt sich das heute so an“ – und gleichzeitig neue Erfahrungen möglich zu machen: andere Grenzen setzen, anders reagieren, Bedürfnisse klarer spüren und ausdrücken, weniger im Autopilot laufen.

    Du musst dabei nicht zwingend „die ganze Kindheit auspacken“. Aber ein Blick auf die Wurzeln kann helfen, damit Veränderung nicht nur im Kopf verstanden wird, sondern im Alltag wirklich greift.

  • Worum geht’s?
    Verhaltenstherapie ist oft stärker im Hier und Jetzt: Was hält deine Probleme gerade am Laufen? Welche Gedanken-, Verhaltens- und Stressmuster spielen mit rein? Und was kannst du konkret verändern, damit es dir im Alltag besser geht?
    Wenn heute von „VT“ gesprochen wird, ist damit meistens die kognitive Verhaltenstherapie gemeint – also VT inklusive Gedanken, Bewertungen und innerer Überzeugungen. Und in den letzten Jahren sind viele neuere Ansätze dazugekommen („dritte Welle der VT“), die zusätzlich mit Achtsamkeit, Akzeptanz, Emotionen und Werten arbeiten.

    Wie kann das aussehen?
    VT ist häufig strukturiert und alltagsnah: Ziele klären, Zusammenhänge verstehen, neue Fähigkeiten üben – und das dann auch außerhalb der Sitzung ausprobieren. Viele Menschen mögen das, weil es sich machbar anfühlt und man relativ schnell merkt, ob etwas hilft. Wichtig: Moderne VT ist nicht „nur Tools“. Je nach Ansatz geht es auch um Gefühle und innere Muster – und oft um die Leitfrage: Wie komme ich vom Verstehen ins Verändern? Ein bekannter Vertreter aus dieser moderneren VT-Landschaft ist z.B. ACT (Akzeptanz- und Commitment-Therapie).

  • Worum geht’s?
    Systemische Therapie schaut weniger auf „das Problem in dir“, sondern auf das Zusammenspiel: Beziehungen, Rollen, Kommunikationsmuster und das Umfeld (Familie, Partnerschaft, Arbeit). Leitfragen sind oft: “Wann wird es schlimmer – und wann ist es leichter? Was hält das Muster am Laufen? Und was hilft schon jetzt? “ Der Blick geht dabei stark auf Ressourcen und auf realistische Veränderungen im Alltag.

    Wie kann das aussehen?
    Ihr sortiert gemeinsam, wie das Problem im System „funktioniert“, macht Perspektivwechsel und entwickelt konkrete nächste Schritte (z.B. Grenzen, Kommunikation, Entlastung). Manchmal werden wichtige Bezugspersonen einbezogen – muss aber nicht; systemisch kann auch sehr gut im Einzelsetting stattfinden.

    Gut zu wissen:
    Systemische Therapie ist das jüngste Richtlinienverfahren in Deutschland: Der G-BA hat sie am 22.11.2019 in die Psychotherapie-Richtlinie aufgenommen.

    Manchmal liest du auch „hypnosystemisch“. Das ist kein eigenes Richtlinienverfahren, sondern eher eine integrative Arbeitsweise, die systemisches Denken mit Elementen aus der modernen Hypnotherapie verbindet.

  • Worum geht’s?
    Humanistische Ansätze schauen stark darauf, dass du wieder mehr in Kontakt kommst mit dem, was du fühlst, brauchst und willst – und wie du daraus stimmige Entscheidungen triffst. Es geht oft um Selbstwert, Authentizität, Beziehung und darum, innere Konflikte nicht nur zu verstehen, sondern wirklich zu erleben und zu verändern. Ein klassisches Beispiel aus diesem Feld ist die Gestalttherapie.

    Wie kann das aussehen?
    Oft ist es weniger „Programm abarbeiten“ und mehr präsentes Arbeiten im Hier-und-Jetzt: Was passiert gerade in dir, im Gespräch, im Kontakt? Therapeut:innen spiegeln, fragen nach, machen Dinge spürbar – und unterstützen dabei, neue Erfahrungen zu machen (z.B. klarer Grenzen spüren/setzen, Gefühle besser wahrnehmen und ausdrücken, alte Muster im Kontakt erkennen).

    Gut zu wissen:
    Humanistische Verfahren sind in Deutschland aktuell keine Richtlinienverfahren der gesetzlichen Krankenkassen (also nicht Teil der „Richtlinientherapie“).
    Viele Elemente daraus findest du trotzdem in moderner, integrativer Arbeit wieder – oft unter dem Label „erfahrungsorientiert“ (und manchmal auch körperorientiert).

  • In der heutigen Psychotherapie verschwimmen die Grenzen zwischen den „Schulen“ oft ein Stück: Viele moderne, wissenschaftlich arbeitende Therapeut:innen nutzen bindungsorientierte, erfahrungsorientierte/erlebnisorientierte und körperorientierte Elemente. Das sind keine magischen Shortcuts, aber sie helfen, Sicherheit aufzubauen, echte Erfahrung zu ermöglichen und Veränderung so zu begleiten, dass sie im Alltag ankommt. Und ich finde, es ist auch eine ethische Frage, Therapie so weiterzuentwickeln, dass sie Menschen möglichst gut hilft, nicht möglichst lange beschäftigt.

     

    1) Bindungsorientierung: Erst Sicherheit, dann Veränderung
    Bindungsorientiert heißt: Die therapeutische Beziehung ist nicht nur „nett“, sondern ein zentraler Wirkfaktor. Du brauchst einen Rahmen, in dem du dich sicher genug fühlst, um ehrlich hinzuschauen – ohne dich zusammenzureißen oder zu rechtfertigen. Studien zeigen seit Jahren: Eine gute therapeutische Arbeitsbeziehung („Alliance“) hängt stark mit dem Therapieerfolg zusammen,  unabhängig vom Verfahren.

    2) Erfahrungs- und Erlebnisorientierung: Nicht nur verstehen – erleben
    Erfahrungsorientiert heißt: Es bleibt nicht bei klugen Erklärungen. Du spürst im Hier-und-Jetzt, was in dir passiert und kannst neue Erfahrungen machen (z.B. Grenzen setzen, Gefühle ausdrücken, innere Konflikte sortieren). Solche Methoden finden sich klassisch in humanistischen Verfahren und inzwischen auch in vielen neueren, evidenzbasierten Ansätzen.

     

    3) Körperorientierung: Nervensystem & Körper als Teil der Gleichung
    Körperorientiert heißt: Stress, Angst, Erstarrung oder Überlastung spielen sich nicht nur im Kopf ab, sondern auch im Körper. Deshalb arbeiten viele moderne Therapien  mit Körperwahrnehmung, sogenannten somatischen Markern, Regulation und Interozeption. (Mehr dazu gibt es ganz sicher in einem der nächsten Blogbeiträge).

     

    4) Warum das zusammengehört (und warum „dosiert“ wichtig ist)
    Bindung schafft Sicherheit. Erfahrungsorientierung macht Muster spürbar und veränderbar. Körperorientierung hilft, dass dein System dabei nicht überflutet. Gute Therapie arbeitet deshalb häufig fein dosiert: nah genug dran, damit sich etwas bewegt aber nicht so drüber, dass du nur noch im Alarm landest.

Holztisch in einem Urwald. Darauf: Laptop, Notizbuch, Brille, Kaffeetasse. Symbolbild: Recherche für Psychotherapie.

Kleine Entscheidungshilfe: Was passt zu mir?

Du musst das nicht perfekt entscheiden. Aber du kannst dich grob orientieren:

  1. Wenn du sagst: „Ich brauche klare Schritte, ich will im Alltag besser klarkommen“ → (moderne) VT / ACT könnten gut passen.

  2. Wenn du sagst: „Ich lande immer wieder in denselben alten Muster und Schleifen – ich will verstehen, wo das herkommt“ → dann kann tiefenpsychologisch passend sein.

  3. Wenn du sagst: „Ich will mich selbst besser spüren und verstehen – nicht nur analysieren, sondern wirklich etwas erleben und verändern“ → dann können humanistische / erfahrungsorientierte Ansätze ein guter Zugang sein.

Die Realität im deutschen System ist allerdings: Was du frei wählen kannst, hängt eben auch davon ab, ob du kassenfinanziert suchst oder privat. Für alles rund ums Thema Kassenleistung und Therapieplatzsuche bei kassenzugelassenen Therapeut:innen findest du wertvolle Infos in Teil 5.

 

Meine Methoden im Kontext:

  1. ACT (Akzeptanz- und Commitment-Therapie) ist eine moderne und wissenschaftlich fundierte Weiterentwicklung der kognitiven Verhaltenstherapie. Der Fokus liegt auf der Entwicklung von psychischer Flexibilität, einem klugen Umgang mit Gedanken und Gefühlen und der Orientierung an für dich wichtigen Werten.

  2. Hakomi® ist eine achtsamkeits- und körperorientierte Methode mit tiefenpsychologischer DNA: weniger „zerdenken“, mehr Wahrnehmen dessen, was im Inneren wirklich passiert und daraus lernen.

  3. Embodiment und Polyvagal-Perspektive erweitern die körperorientierte Sichtweise und helfen zu verstehen, warum du manchmal blockierst, „abschaltest“ oder ständig unter Strom stehst – und wie dein System wieder mehr Sicherheit findet.

Die Methoden greifen ineinander und bilden ein Gesamtkonzept. Wichtig ist, Methoden nicht einfach zu mixen, sondern im Finetuning auf dich abzustimmen und ein passendes Timing zu finden. Therapie muss nicht automatisch Jahre dauern und nicht unbedingt jede Woche stattfinden. Das heißt nicht, dass Langzeittherapie per se falsch ist. Es heißt nur: Für viele meiner Klient:innen ist der passende Hebel kompakter, konkreter und körpernäher.

Mein Fazit - to the point.

Psychotherapie wirkt am Anfang wie ein Dschungel – aber sie lässt sich sortieren. Wenn du grob verstehst, worum es geht und wie die wichtigsten Richtungen ticken, kannst du gezielter entscheiden: Was passt zu mir? Was passt zu meiner Situation? Kassentherapie oder Methodenfreiheit und selbst bezahlen? Und: Methoden sind nicht alles! Im nächsten Teil geht’s um den wichtigsten Faktor überhaupt: Wie du die richtige Therapeut:in findest – und woran du merkst, dass es passt.


Quellen zu diesem Artikel (Auswahl).

Charf, Dami – Wie man einen guten Psychotherapeuten findet. Amazon Kindle, 2017.
G-BA: Psychotherapie-Richtlinie (Grundlage der kassenfinanzierten ambulanten Psychotherapie), Fassung vom 28.11.2024
Jacobs, Gitta - Psychotherapie - eine Gebrauchsanweisung. Wie Ihre Therapie gelingt. Beltz, 2017.
Kugelstadt Alexander - Dann ist das wohl psychosomatisch! Mosaik, 2020.
Niemeyer, Tilmann – Kleiner Psychotherapieführer. Junfermann, 2014. 
Trebbin, Ulrich – Mut zur Psychotherapie - wie sie funktioniert und warum sie guttut. Psychosozial-Verlag, 2019. 
Verbraucherzentrale NRW: „Psychotherapie – Chancen erkennen und mitgestalten“. Verbraucherzentrale NRW e. V., 2017.  


Lesetipps - wenn du tiefer einsteigen möchtest.

Ratgeber „Psychotherapie – Chancen erkennen und mitgestalten“ der Verbraucherzentrale NRW
Ein sehr empfehlenswerter und alltagstauglicher Ratgeber. Richtig gut gemacht: mit klaren Erklärungen, Checklisten und konkreten Schritten rund um Therapie, Rechte und Abläufe.
https://shop.verbraucherzentrale.de/rubriken/alle-titel-von-a-z/psychotherapie/9783863360795 

Gitta Jacobs: Psychotherapie: eine Gebrauchsanweisung  - Wie Ihre Therapie gelingt.
Ein verständlicher Überblick darüber, wie Psychotherapie grundsätzlich funktioniert – inklusive typischer Stolpersteine, Mythen und ganz konkreter Hinweise, wie du Therapie aktiv mitgestalten kannst. Gute Lektüre, wenn du nicht nur „machen lassen“ willst, sondern verstehen möchtest, wie Veränderung in Therapie und danach im Alltag gelingen kann.


Eine neblige, wilde Dschungellandschaft mit Bergen und Fluss. Symbol für Psychotherapie-Dschungel

Coming next…

Ich hoffe, du hast jetzt eine gute Landkarte zu Diagnostik, Richtungen und Methoden. Und trotzdem bleibt oft die wichtigste Frage offen: Mit wem mache ich das eigentlich? Denn selbst die „passende“ Methode bringt wenig, wenn die Person nicht zu dir passt.

Im nächsten Teil geht’s deshalb um den entscheidenden Erfolgsfaktor: Wie du die richtige Therapeut:in findest.

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Teil 3: Wie finde ich die richtige Therapeut:in?

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Teil 1: Wer macht was in der Psychotherapie?