Teil 1: Wer macht was in der Psychotherapie?

Blick über einen tropischen Regenwald im Morgendunst

Psychotherapie ist in Deutschland leider nicht ganz einfach zu durchschauen. Hinter ähnlich klingenden Berufsbezeichnungen steckt ein ziemlich komplexes und irgendwie auch absurdes Geflecht aus Zulassungen, Berufsbezeichnungen, Ausbildungen und Verfahren. Ich hab mich echt viel damit beschäftigt und kann dir sagen: Wenn du nicht so genau weißt, wer was macht und darf – und was davon für deine eigene Suche überhaupt wichtig ist: kein Wunder.

Dieser Artikel ist bewusst ausführlich, um einmal das ganze Durcheinander zu erfassen. Du kannst den Artikel von vorne bis hinten lesen. Die gute Nachricht ist aber: Du musst das nicht alles vorher verstehen und wissen, um eine gute Therapie zu finden. Deshalb kannst du ihn auch einfach als Nachschlagewerk nutzen, wenn dir bei der Therapieplatzsuche eine Berufsbezeichnung begegnet, mit der du nichts anfangen kannst.

Ich sortiere hier die wichtigsten Begriffe, erkläre, wer in Deutschland Psychotherapie rechtlich anbieten darf und was die verschiedenen Berufsbezeichnungen tatsächlich bedeuten. So detailliert wie nötig, aber so verständlich, wie es irgendwie geht.

Der Artikel bezieht sich auf Erwachsene im ambulanten Setting. Stationäre Therapien in Kliniken und Kinder- und Jugendpsychotherapie werden hier nicht thematisiert. Die Fakten beziehen sich auf die Situation in Deutschland (Stand Dezember 2025).

 

Inhaltsverzeichnis


IN A NUTSHELL · das Wichtigste auf einen Blick

  1. In Deutschland dürfen nur Personen mit Approbation oder Heilerlaubnis (Heilpraktikergesetz) Psychotherapie anbieten – alles andere ist Beratung/Coaching.

  2. Die Berufsbezeichnungen klingen oft ähnlich, bedeuten aber sehr Unterschiedliches: Ärzt:in, Psychiater:in, Psychosomatiker:in, (Psychologische:r) Psychotherapeut:in, Heilpraktiker:in (Psychotherapie) – wer was macht und darf, ist nicht immer intuitiv.

  3. Richtlinienverfahren & Kassenzulassung sind nochmal ein eigenes Level: Nicht jede Person, die „Therapie“ anbieten darf, kann auch über die Krankenkasse abrechnen – und nicht jede(r) hat die gleiche therapeutische Ausbildung.

  4. Du bekommst hier eine Landkarte für den Psycho-Dschungel, damit du schneller erkennst: Wer ist wofür qualifiziert? Welche Fragen solltest du stellen? Wo lohnt sich genauer hinzuschauen?

  5. Und ganz wichtig: Titel und Methoden sind hilfreich – aber am Ende zählt auch der Mensch. Es kommt auf Kompetenz + Passung an.

BASICS FIRST · 1. die Berufserlaubnis

Um in Deutschland psychotherapeutisch arbeiten zu dürfen, braucht man eine Zulassung bzw. Erlaubnis zur Berufsausübung der Heilkunde. Dafür gibt es nur zwei staatlich anerkannte Möglichkeiten:

  1. Die Approbation für Heilberufe

  2. Die Heilpraktiker:innen-Erlaubnis (kurz: Heilerlaubnis)

Wer keine solche Erlaubnis hat, darf auch keine Psychotherapie anbieten. Kompliziert wird es leider, wenn du wissen willst, wer welche Erlaubnis hat – und wer sich wie nennen darf. Zur Vereinfachung habe ich die Berufe in Gruppen unterteilt und für einen ersten Überblick grafisch dargestellt:

 

BASICS FIRST · 2. die Richtlinienverfahren

Richtlinienverfahren sind die psychotherapeutischen Verfahren, die in Deutschland als Kassenleistung anerkannt sind - wenn die anderen formalen Voraussetzungen (Approbation + Kassenzulassung) erfüllt sind. Aktuell sind das:

  1. Verhaltenstherapie

  2. Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

  3. Analytische Psychotherapie

  4. Systemische Therapie

Wichtig: „Richtlinienverfahren“ heißt nicht automatisch „besser als alles andere“, sondern: Das ist der Rahmen, in dem gesetzliche Krankenkassen ambulante Psychotherapie in der Regel bezahlen.
Mehr zu Methoden und Verfahren in Teil 2 dieser Serie.

 

BASICS FIRST · 3. die Kassenzulassung

Kassenzulassung heißt: Eine Praxis darf mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen. Eine Kassenzulassung (für Psychotherapie) kann nur bekommen, wer eine Approbation hat. Mit einer Heilerlaubnis ist keine Kassenzulassung (für Psychotherapie) möglich.
Zusätzlich zur Approbation braucht es:

  1. einen Eintrag ins Arztregister (dafür muss die passende Qualifikation nachgewiesen werden)

  2. einen Kassensitz (Zulassung) oder eine Anstellung in einer Praxis/Einrichtung, die bereits einen Kassensitz hat

  3. eine psychotherapeutische Qualifikation in einem Richtlinienverfahren

DEEP DIVE · die Berufsbezeichnungen im Detail

Im Folgenden findest du zu allen “im Psycho-Dschungel” relevanten Berufen eine detaillierte Info und (teilweise) eine grafische Darstellung des Ausbildungswegs. Wie oben schon gesagt: Du musst das nicht alles kapieren und wissen, aber du kannst gezielt nachschlagen, was dich interessiert. Und - weil das echt komplex ist - im Anschluss daran nochmal eine Zusammenfassung - short & simple.


Gruppe 1 · Die Ärzt:innen


Gruppe 2 · Die Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen


Gruppe 3 · Die Heilpraktiker:innen


Gruppe 4 · Alle Anderen (ohne geschützte Berufsbezeichnungen)


Zwei Frauen im Gespräch auf einem Sofa sitzend

DIE BERUFSBEZEICHNUNGEN · das Wichtigste zusammengefasst

Die Grundvoraussetzung, um überhaupt Psychotherapie anbieten zu dürfen, ist die Zulassung zum Heilberuf - entweder durch eine Approbation oder eine Heilerlaubnis (nach dem Heilpraktikergesetz).

Diese Grundvoraussetzung wird von folgenden Berufsgruppen erfüllt:

  1. Alle Human-Mediziner:innen (Approbation)

  2. Ärztliche Psychotherapeut:innen (Approbation)

  3. Psychologische Psychotherapeut:innen (Approbation)

  4. Psychotherapeut:innen & Fach-Psychotherapeut:innen (Approbation)

  5. Heilpraktiker:innen für Psychotherapie (Heilerlaubnis)

  6. (Voll-) Heilpraktiker:innen (Heilerlaubnis)

Von all diesen Berufsbezeichnungen kannst du aber nur bei den Folgenden SICHERdavon ausgehen, dass sie eine staatlich anerkannte psychotherapeutische Ausbildung in einem der vier Richtlinienverfahren durchlaufen haben. Mehr zu Verfahren und Methoden in Teil 2 dieser Serie.

  1. Ärztliche Psychotherapeut:innen

  2. Psychologische Psychotherapeut:innen

  3. Fach-Psychotherapeut:innen

Alle Anderen können Psychotherapie auch anbieten, auch BEVOR oder auch OHNE eine psychotherapeutische Weiterbildung absolviert zu haben. Das heißt jetzt nicht, dass sie alle unqualifiziert sind. Nur solltest du dich bei diesen Berufsgruppen gut informieren und im Einzelfall nach Aus- und Weiterbildungen fragen:

  1. Human-Mediziner:innen (nach der Approbation)

  2. Psychotherapeut:innen “Newbies” (Absolvent:innen des Psychotherapiestudiums)

  3. Psycholog:innen mit Heilerlaubnis (nach dem Heilpraktikergesetz)

  4. Heilpraktiker:innen für Psychotherapie

  5. (Voll-) Heilpraktiker:innen

KEINE Psychotherapie anbieten dürfen:

  1. Psycholog:innen ohne Heilerlaubnis (nach dem Heilpraktikergesetz)

  2. Coach:innen, Lebensberater:innen, psychologische Berater:innen

  3. alle Weiteren ohne geschützte Berufsbezeichnung


MEIN FAZIT · to the point

  • Schwarze Schafe gibt es überall, genauso wie hochprofessionelle Expert:innen. Im Psycho-Dschungel findest du viele empathische, sehr qualifizierte Ärztliche und Psychologische Psychotherapeut:innen. Aber leider auch solche, die, trotz langjähriger und fundierter Ausbildung und Praxis, menschlich eine ziemliche Katastrophe sind.

  • Genauso gibt es seriöse, sehr gut ausgebildete Psycholog:innen, Ärzt:innen und Heilpraktiker:innen, die mit Professionalität, viel Herzblut und Einfühlungsvermögen arbeiten und bei denen du super aufgehoben bist. Und auch diejenigen, die zwar eine Approbation oder Heilerlaubnis haben, aber sich nicht um eine fundierte psychotherapeutische Weiterbildung und genügend Selbsterfahrung scheren.

  • Vorsicht ist grundsätzlich geboten bei Heilpraktiker:innen, Psycholog:innen und allen weiteren Psycho-Anbieter:innen OHNE erkennbare therapeutische Ausbildung (am besten mehrjährig) und vor allem bei schnellen Heilsversprechen. Das ist in aller Regel unseriös!

  • Meine Empfehlung: Informiere dich vorab über die wichtigsten Dinge im Psycho-Dschungel, damit du vorbereitet und smart auf Therapeut:innen-Suche gehen kannst. Und dann schau dir den Menschen, mit dem du arbeiten willst, genau und in aller Ruhe an: mit Kopf, Herz und Bauchgefühl.
    Mehr dazu, wie du die richtige Therapeut:in findest, in Teil 3.


Fragen oder Feedback? Schreib mir – ich freue mich über Anregungen und Kritikpunkte.


Quellen zu diesem Artikel (Auswahl)

G-BA: Psychotherapie-Richtlinie (Grundlage der kassenfinanzierten ambulanten Psychotherapie), Fassung vom 28.11.2024 
Jacob, Gitta - Psychotherapie - eine Gebrauchsanweisung. Wie Ihre Therapie gelingt. Beltz, 2017. 
Niemeyer, Tilmann – Kleiner Psychotherapieführer. Junfermann, 2014.  
Trebbin, Ulrich – Mut zur Psychotherapie - wie sie funktioniert und warum sie guttut. Psychosozial-Verlag, 2019.  
Verbraucherzentrale NRW: „Psychotherapie – Chancen erkennen und mitgestalten“. Verbraucherzentrale NRW e. V., 2017.  


Lesetipps · wenn du tiefer einsteigen möchtest

Ratgeber „Psychotherapie – Chancen erkennen und mitgestalten“ der Verbraucherzentrale NRW
Ein sehr empfehlenswerter und alltagstauglicher Ratgeber. Richtig gut gemacht: mit klaren Erklärungen, Checklisten und konkreten Schritten rund um Therapie, Rechte und Abläufe.
https://shop.verbraucherzentrale.de/rubriken/alle-titel-von-a-z/psychotherapie/9783863360795

Gitta Jacob: Psychotherapie: eine Gebrauchsanweisung  - Wie Ihre Therapie gelingt.
Ein verständlicher Überblick darüber, wie Psychotherapie grundsätzlich funktioniert – inklusive typischer Stolpersteine, Mythen und ganz konkreter Hinweise, wie du Therapie aktiv mitgestalten kannst. Gute Lektüre, wenn du nicht nur „machen lassen“ willst, sondern verstehen möchtest, wie Veränderung in Therapie und danach im Alltag gelingen kann.


bergige Dschungellandschaft, mäandernder Fluss - Symbol für Psychotherapie-Dschungel

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