Teil 3: Wie finde ich die richtige Therapeut:in?
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Teil 5: Service | Therapieplatz finden - Schritt für Schritt
Du hast dich für Psychotherapie entschieden. Das ist kein kleiner Schritt. Und jetzt kommt etwas, das viele unterschätzen: Die Wahl der Therapeut:in ist nicht nur eine organisatorische Frage – sie ist einer der wichtigsten Wirkfaktoren.
Denn Therapie funktioniert nicht nur, wenn die Methode passt. Sie funktioniert vor allem dann gut, wenn die Zusammenarbeit stimmt. In der Forschung nennt man das „therapeutische Allianz“. Einfach gesagt: Es muss matchen.
Außerdem: Therapeut:innen sind nicht automatisch Heilige. Die meisten arbeiten seriös und mit viel Verantwortung – aber wie in jedem Beruf gibt es auch schlechte Passungen, blinde Flecken und leider auch schwarze Schafe. Selbst wenn jemand fachlich kompetent ist: Es lohnt sich hinzuschauen, ob du dich wirklich wohlfühlst.
Darum geht es jetzt: Woran du früh erkennst, ob es passt – und welche Fragen dir helfen, damit du nicht nur „irgendwen“ nimmst, sondern eine Zusammenarbeit findest, die dich wirklich weiterbringt.
Inhaltsverzeichnis
In a nutshell - das Wichtigste auf einen Blick.
Der wichtigste Wirkfaktor ist oft nicht die Methode, sondern die Passung (Allianz).
Therapie ist Dienstleistung und Teamarbeit: Du darfst wählen – und du darfst mitgestalten.
Schau auf Sicherheit, Respekt, Klarheit – nicht nur auf Titel oder Website-Texte.
Nutze Erstgespräch(e) als Kennenlernphase.
Achte auf Red Flags: Druck, Heilsversprechen & Grenzverwischung.
Mach nach ein paar Sitzungen einen Mini-Check: Fühlst du dich gut begleitet – und bringt es dich weiter?
Therapeutische Allianz - warum die Person oft wichtiger ist als die Methode.
In Therapie geht’s nicht nur um Inhalte, sondern auch um Beziehung – genauer gesagt: um die Arbeitsbeziehung. Eine gute Therapeut:in ist nicht „wie eine Freundin“, sondern jemand, bei dem du dich sicher genug fühlst, ehrlich zu werden – und der gleichzeitig hilft, den roten Faden zu halten, wenn’s innerlich unübersichtlich wird.
In der Forschung wird diese tragende Zusammenarbeit „therapeutische Allianz“ genannt. Sie besteht (vereinfacht) aus drei Teilen: gemeinsame Ziele, Einigkeit über das Vorgehen und eine vertrauensvolle Bindung. Das ist einer der am besten untersuchten Wirkfaktoren in der Psychotherapie. In Meta-Analysen zeigt sich: es gibt einen robusten Zusammenhang zwischen Allianz und Wirksamkeit der Therapie.
Wichtig dabei: Allianz heißt nicht, dass es immer „harmonisch“ ist. Manchmal knirscht es, du bist verletzt, genervt oder fühlst dich missverstanden. Entscheidend ist dann nicht, dass sowas nie passiert – sondern wie damit umgegangen wird: Wird nachgefragt, geklärt, repariert? Genau hier zeigt sich Qualität in der Praxis.
Bevor du dich auf die Suche machst - ein bisschen Vorbereitung.
Therapeut oder Therapeutin – oder ist es dir egal?
Für manche ist das egal. Für andere nicht. Und beides ist völlig okay. Wenn Themen wie Sexualität, Gewalt oder Grenzverletzungen eine Rolle spielen, kann diese Vorab-Entscheidung sinnvoll sein.
Worum geht’s – in ein bis zwei Sätzen.
Wenn du für den Start deiner Therapie nur ein Thema auswählen könntest – welches wäre das? Was ist aktuell die größte Herausforderung, was macht dir gerade am meisten zu schaffen? Und was wäre in 2–3 Monaten ein kleines, spürbares Zeichen von Veränderung?
Und noch etwas Wichtiges:
Du musst im Erstkontakt nicht deine ganze Lebensgeschichte ausbreiten. Für ein Erstgespräch reicht es völlig, wenn du deine Themenfelder grob benennen kannst und dir ansonsten genug Zeit und Raum lässt für die folgenden Fragen. Tiefer eintauchen kannst du, wenn du merkst: Hier könnte es passen.
Im Erstgespräch - worauf du achten solltest.
Ein paar Inspirationen für dich zu Beziehung, Kompetenz und Vorgehen.
Beziehung & Bauchgefühl: „Kann ich hier sein, wie ich bin?“
Fühlst du dich gesehen und ernst genommen? Ist die Person zugewandt, ohne dich zu überrollen? Begegnet sie dir auf Augenhöhe? Dafür brauchst du keine Checkliste. Die meisten Menschen merken ziemlich schnell, ob sie sich bei jemandem sicher fühlen. Das darfst und solltest du ernst nehmen.
Kompetenz: „Weiß diese Person, was sie tut – und kann sie’s erklären?“
Du darfst fragen:
Welche Ausbildung(en) haben Sie?
Mit welchen Themen arbeiten Sie besonders häufig?
Wie läuft Therapie bei Ihnen typischerweise ab?
Dafür brauchst du kein Fachwissen. Eine kompetente Therapeut:in kann ihre Arbeitsweise verständlich erklären.
Vorgehen: „Wie arbeiten wir konkret und was passiert, wenn’s schwierig wird?“
Das ist wichtig, weil Therapie idealerweise nicht nur „reden“ ist. Frag z.B.:
Ist das eher Gespräch, eher Übungen, eher Körperwahrnehmung?
Gibt es Impulse für den Alltag?
Welche Rolle spielen Stabilisierung und Ressourcen?"
Wie gehen Sie damit um, wenn es zwischen uns mal hakt oder ich mit etwas unzufrieden bin?
Raum & Setting – unterschätzt, aber wichtig.
Du musst daraus keine Wissenschaft machen. Aber wenn du schon beim Reinkommen merkst: Ich will hier nicht sein – nimm das ernst.
Achte z.B. darauf:
Seid ihr ungestört (Klingel, Telefon, andere Personen)?
Fühlst du dich räumlich wohl?
Kannst du Sitzplatz, Abstand und Blickkontakt frei wählen?
Ist Diskretion/Schallschutz halbwegs gewährleistet?
Kennenlernen & entscheiden: nimm dir Zeit.
Viele denken, sie müssten sich im ersten Gespräch sofort entscheiden. Musst du nicht. Bei kassenfinanzierter Therapie gibt es dafür die probatorischen Sitzungen (Kennenlern- und Klärungsphase). Bei Selbstzahler:innen ist das meist weniger formal geregelt, aber du kannst dir trotzdem 1–2 Termine „zum Ankommen und Prüfen“ erlauben, bevor du dich festlegst.
Wichtig ist der Gedanke dahinter: Du darfst nach ein paar Kontakten sagen: „Ich glaube, das passt nicht. - Ich möchte jemand anderes ausprobieren.“ Das ist nicht unhöflich, sondern völlig legitim.
Zwischenstand, Grenzen & Red Flags - ein schneller Qualitätscheck.
Mach nach ca. 4–6 Sitzungen einen kurzen einen kurzen Check-up:
Präsenz: Ist die Therapeut:in wirklich da – oder oft abgelenkt?
Vertrauen: Traust du dich, Unangenehmes zu sagen?
Führung: Kannst du in deinem Tempo arbeiten – und wirst du aufgefangen, wenn du kippst?
Balance: Nur Probleme wälzen – oder auch Ressourcen, Stabilisierung & konkrete Schritte?
Dosierung: Manchmal unbequem, aber nicht dauernd überfordernd?
Klärung: Wenn es Missverständnisse gab – wurden sie angesprochen und geklärt? Oder wird’s eher weggebügelt?
Lebendigkeit & Humor: Gibt es auch bei schweren Themen zwischendurch entspannte und humorvolle Momente?
Wenn du bei mehreren Punkten bei einem “Nein” landest: Nimm es als Signal. Es lohnt sich, das anzusprechen und, falls du damit kein Gehör findest, auch Konsequenzen zu ziehen.
Ein sehr guter Indikator für Qualität: Wie wird mit Grenzen umgegangen?
Wird erklärt, was gemacht wird – bevor etwas passiert?
Wirst du gefragt, ob du das möchtest?
Könntest du „nein“ sagen, ohne dass die Stimmung kippt?
Red Flags (bitte ernst nehmen):
Heilsversprechen („in drei Sitzungen ist das weg“)
Druck oder Schuld („wenn du nicht…, dann willst du nicht gesund werden“)
Abwertung, Spott oder Herablassung
Grenzverwischung (Zeit, Geld, Nähe, Kontakt außerhalb) ohne klare Professionalität
Du gehst regelmäßig raus und fühlst dich kleiner statt klarer
Missverständnisse gehören dazu – entscheidend ist, was dann passiert.
Manchmal gibt es in Therapie Momente, in denen du dich missverstanden, übergangen oder plötzlich unsicher fühlst. In der Forschung nennt man das einen kleinen Riss in der Zusammenarbeit. Das ist nicht automatisch ein schlechtes Zeichen – solche Momente gehören zu echter Beziehungsarbeit dazu. Entscheidend ist: Kannst du es ansprechen, wird es ernst genommen, und findet ihr wieder in Kontakt?
Die neue Erfahrung daran ist für viele (gerade mit alten Beziehungsthemen): Konflikt bedeutet nicht Abbruch. Du darfst sagen „Stopp, so war’s für mich nicht gut“ – und die Beziehung hält das aus. Genau dadurch kann Therapie so wirksam werden: Du erlebst, dass Nähe, Klarheit und Grenzen gleichzeitig möglich sind.
Mein Fazit - to the point.
Damit Therapie wirkt, reicht nicht „irgendein Platz“. Du brauchst die richtige Person. Und: Therapie ist eine Dienstleistung – du darfst auswählen und mitgestalten, egal ob Kasse oder selbst bezahlt. Gönn dir diese Entscheidung, so gut es die Realität zulässt. Wenn du nur eins mitnimmst: Such nicht die „beste Therapie“, sondern die Therapeut:in, bei der du dich menschlich und fachlich gut aufgehoben fühlst.
Quellen zu diesem Artikel (Auswahl).
Brisch, Karl Heinz: Bindungsstörungen – Von der Bindungstheorie zur Therapie. Klett-Cotta, 2022
Charf, Dami – Wie man einen guten Psychotherapeuten findet. AmazonKindle, 2017.
Flückiger et al.: Meta-Analyse zur therapeutischen Allianz, 2018
Jacobs, Gitta - Psychotherapie - eine Gebrauchsanweisung. Wie Ihre Therapie gelingt. Beltz, 2017.
Niemeyer, Tilmann – Kleiner Psychotherapieführer. Junfermann, 2014.
Trebbin, Ulrich – Mut zur Psychotherapie - wie sie funktioniert und warum sie guttut. Psychosozial-Verlag, 2019.
Wallin, David J.: Bindung und Veränderung in der psychotherapeutischen Beziehung. G.P. Probst Verlag, 2016Lesetipp - wenn du tiefer einsteigen möchtest.
Dami Charf – Wie man einen guten Psychotherapeuten findet.
Das E-Book von Dami Charf ist ein ehrlicher, klarer Ratgeber für alle, die sich auf die Suche nach psychotherapeutischer Unterstützung machen – und dabei nicht einfach „irgendwen“ wählen wollen. Dami erklärt sehr nachvollziehbar, wie Psychotherapie wirkt und warum reine Einsicht oft nicht reicht.
Dazu gibt es einen gut strukturierten Überblick über verschiedene Therapieformen und eine wohltuend kritische Haltung gegenüber „Heilsversprechen“. Die Kapitel mit den entscheidenden Tipps und Fragen machen Mut, im Erstkontakt kluge Fragen zu stellen. Insgesamt ein Buchtipp für alle, die bei der Suche nach einer guten Therapeut:in Orientierung und Vertrauen in den eigenen „gesunden Menschenverstand“ mitnehmen wollen.
Coming next…
Manche Menschen zögern, bevor sie sich auf Therapie einlassen. Aus Scham, Angst vor Stigmatisierung, den eigenen Gefühlen und vielleicht lange verschobenen Entscheidungen. Ganz ehrlich: das ist nachvollziehbar. Mut heißt nicht, keine Angst zu haben – sondern dich trotzdem zu trauen, den nächsten Schritt zu gehen. Genau darum geht’s in Teil 4.
